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Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung


Bildung für nachhaltige Entwicklung


ÜBER LEBENSKUNST.Schule >>
Auf kreativer Suche nach dem guten Leben
© Katia Klose - Projekt „Unsere Schule“. Über Lebenskunst. Schule

Welche Lebensmodelle brauchen wir in Zukunft, um gerechter und umweltschonender zu handeln? Was kann in diesem Sinne ein gutes Leben ausmachen, und wie könnte sich das anfühlen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des 2-jährigen Pilotprojektes ÜBER LEBENSKUNST.Schule zur Verbindung von Kunst, Kultureller Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Eine Bilanz.

 

Das Projekt wurde von der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit dem Institut Futur der Freien Universität Berlin und dem Haus der Kulturen der Welt initiiert und im November 2012 beendet. Zentrales Anliegen war es, durch eine künstlerische und sinnliche Annäherung an das Thema Nachhaltigkeit kreative Handlungspraktiken für ein zukunftsfähiges Leben zu erkunden und erfahrbar zu machen, sowie die BNE um eine ästhetische Dimension zu bereichern (vgl. Helbig/Wieczorek 2012a, S. 23).


Wie die Schule zum Spielraum wird – eine Projektskizze

Um eine breite Wirkung zu ermöglichen, wurde ÜBER LEBENSKUNST.Schule als Multiplikatoren-Projekt angelegt. 18 Künstler*innen bereiteten sich in einer 10-monatigen Weiterbildung umfassend darauf vor, wie sie ihren eigenen künstlerischen Ansatz mit Nachhaltigkeitsfragen verbinden und gleichzeitig den Anforderungen an die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Kontext Schule gerecht werden können. In zehn Ausbildungsmodulen setzten sie sich mit unterschiedlichen Themen wie nachhaltiger Entwicklung, BNE, Kultureller Bildung und Kommunikation sowie mit dem Arbeitsfeld Schule auseinander. Dabei erhielten sie sowohl theoretischen Input durch verschiedene Referent*innen als auch Raum für Diskussionen und praktische Übungen. Gleichzeitig erarbeiteten sie Konzepte für eigene Projekte, die Schüler*innen auf kreative Weise ein Bewusstsein für nachhaltige Lebensweisen vermitteln sollten.

In der anschließenden 12-monatigen Praxisphase setzten die Künstler*innen ihre eigenen Konzepte an 14 Kooperationsschulen in ganz Deutschland um. Sie bearbeiteten Themen wie Wachstumsorientierung oder Lebensmittelkonsum mit unterschiedlichen künstlerischen Herangehensweisen und hinterfragten auf praktische Art und Weise unsere alltäglichen Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen. So wurde die Beziehung der Gesellschaft zum Geld performativ dargestellt, die eigene Gesellschaftskritik in einem Designobjekt auf den Punkt gebracht oder Konkurrenz und Leistungsdruck tänzerisch interpretiert. Ihre Arbeitsweisen zielten dabei weniger auf einen kognitiven Erkenntnisgewinn ab, sondern in erster Linie auf die individuelle körperliche, sinnliche und emotionale Erfahrung der Teilnehmenden. Die Projekte boten Gestaltungsspielräume für die Jugendlichen, um sich mit ihren eigenen Vorstellungen von einer neuen Lebenskunst auseinanderzusetzen. Sie konnten experimentieren, ausprobieren, fragen, reflektieren und dabei erfahren, dass Handeln in Sinne nachhaltiger Entwicklung Spaß machen kann.


Klarer Charakter oder feine Note – Wie viel BNE steckte in ÜBER LEBENSKUNST.Schule?

Für eine ganzheitliche Ausrichtung wurde das Konzept der BNE dem gesamten Bildungsprogramm als „Referenzrahmen“ zugrunde gelegt, d. h. auch Partizipation und ressourcenorientiertes Lernen spielten in der Ausbildung der Künstler*innen eine wichtige Rolle. Bei den einzelnen Projekten war die Orientierung am BNE-Konzept jedoch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Einige Künstler*innen sahen in ihm einen geeigneten Rahmen, um ihre künstlerische Praxis zu verorten und konnten etwa den thematischen Bezug zur Agenda 21 konstruktiv für ihre Arbeit nutzen. Auf andere wirkte der normative Charakter der BNE einengend, sie orientierten sich weniger an der Vermittlung von Gestaltungskompetenz als an der Idee einer nachhaltigen Lebensweise im Sinne einer neuen Lebenskunst (vgl. ebd., S. 24).

Dementsprechend waren konkrete BNE-Ziele, Themen oder Perspektiven in den Projekten unterschiedlich präsent. So waren einige Projekte wie „Welt Gestalten“ sehr aktivierend und handlungsbezogen und hatten damit einen deutlichen Bezug zur Vermittlung von Gestaltungskompetenz, wohingegen andere Projekte wie „Absichtslos Gucken“ stark auf Introspektion und Wahrnehmung konzentriert waren und damit weniger Überschneidung mit der Handlungsorientierung des BNE-Konzeptes aufwiesen. Auch bei der Orientierung an nachhaltigkeitsbezogenen Themen bestanden große Unterschiede: Es gab direkte Diskussionen über nachhaltige Entwicklung und das aktuelle Wirtschaftssystem etwa in den Projekten „Du kannst mich mal wertschöpfen“ oder „Schneller, höher, besser, mehr!?“, aber auch sehr abstrakte Bezüge wie die Beschäftigung mit dem körperlichen Verhältnis zur Umwelt in „Aus der Spur“. (Eine genaue Beschreibung und Dokumentation der Projekte findet sich > hier).

© Joachim Loch - Projekt: „In Hülle und Fülle“. ÜberLebenskunst. Schule

Insgesamt stimmten die Projekte unterschiedlich stark mit BNE-Kriterien, wie sie beispielsweise von Ute Stoltenberg formuliert werden, überein. Es standen weniger die Vermittlung von zukunftsrelevantem Wissen (vgl. Stoltenberg 2009, S. 24f.), globalen Zusammenhängen (vgl. Stoltenberg 2009, S. 40f.) oder der Kompetenzerwerb in realen Lebenssituationen (vgl. BLK 1998, S. 35) im Vordergrund als vielmehr die Förderung von Selbstreflexionsfähigkeit, Partizipations- und Kooperationsfähigkeit sowie die (kreative) Auseinandersetzung mit Werthaltungen (vgl. ebd., S. 29ff.). Dies erklärt sich insbesondere dadurch, dass die zentrale Orientierung an künstlerischen Prinzipien nur in begrenztem Maße mit dem normativen Bildungskonzept einer BNE vereinbar ist. Es ist eine wichtige Qualität der Projekte, dass die künstlerische Freiheit nicht dem BNE-Konzept untergeordnet wurde. So wurden die Teilnehmenden in allen Projekten selbst gestalterisch aktiv, übernahmen Verantwortung für eigene Ideen und konnten gemeinsam Projektinhalte mitbestimmen. Durch Erfahrungen etwa mit Fotografie verfeinerten sie dann im Speziellen die Wahrnehmung für ihre Umwelt, durch das körperliche Erleben von Tanz und Musik verbesserten sie ihre Selbstwahrnehmung und lernten einen achtsamen Umgang miteinander. Aufgrund dieser Schwerpunktsetzung war der Übergang von BNE zu Kultureller Bildung mit ihren sehr ähnlich ausgerichteten Bildungszielen häufig fließend, viele Projekte könnten demnach auch als gelungene Kulturelle Bildung betrachtet werden, die mehr oder weniger ausgeprägte Verbindungen zu BNE-Themen aufwiesen. Dennoch war der Ausgangspunkt aller ÜBER LEBENSKUNST.Schule Projekte in der Konzeptionsphase und im ethischen Anspruch der Künstler*innen das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung. In allen Projekten ging es im übertragenen und abstrakten Sinne darum, ein tieferes Verständnis dafür zu vermitteln, welche Probleme unsere aktuellen Lebens- und Wirtschaftsweisen hervorrufen und dass jeder einzelne einen Beitrag zu einem kollektiven Veränderungsprozess leisten kann. Allerdings ohne dem Einzelnen vorzugeben oder beizubringen, was zu tun ist, sondern vielmehr im Sinne einer Schulung der Wahrnehmung und Reflexionsfähigkeit von sich selbst, der Umwelt und der Welt und im Sinne eines suchenden Erforschens.


Das Ergebnis: Kein Patentrezept aber Anregungen für eine lohnende Verbindung

Die individuelle Qualität der Projekte macht es schwer, Erkenntnisse für andere Projekte in diesem Feld zu formulieren. Aufgrund der sehr unterschiedlichen künstlerischen Ansätze und Disziplinen sowie der schulischen Rahmenbedingungen, und nicht zuletzt wegen der vielseitigen Auslegungen des BNE-Konzeptes erscheint es unmöglich, allgemeingültige Kriterien für Projekte auf der Schnittstelle von Kunst, Kultureller Bildung und BNE aufzustellen. Dennoch haben die Künstler*innen in der Online-Dokumentation von ÜBER LEBENSKUNST.Schule wesentliche Aspekte ihrer Erfahrungen zusammengetragen, die einen Orientierungsrahmen für Folgeprojekte darstellen könnten.

Eine wichtige Erkenntnis war z. B., wie wichtig eine transparente Kommunikation zwischen Künstler*innen und den Partnerschulen für das Gelingen der Projekte ist, um die Gegensätze zwischen oft ergebnisoffenen künstlerischen Prozessen und der relativ unflexiblen Struktur des Schulalltags zu überbrücken. Diese Ambivalenz stellte in vielen Projekten eine große Herausforderung dar, wie etwa die Bewertung kreativer Prozesse mit Noten. Insgesamt sahen viele Künstler aber in der Schule einen geeigneten Ort für Projekte dieser Art, da zum einen viele Jugendliche erreicht werden können und zum anderen durch kreative Arbeitsweisen evtl. sogar kleine Veränderungsimpulse in das System Schule einfließen können.

© Joachim Loch - Projekt „Stadtmachtsatt“. Über Lebenskunst. Schule

Das übergreifende Ergebnis von ÜBER LEBENSKUNST.Schule ist sicherlich die Erfahrung, dass es viele Wege gibt, Gestaltungskompetenz und Zukunftsfähigkeit zu fördern. Der Mehrwert künstlerischer Ansätze ist nach Gerhard de Haan vor allem die bisher häufig im BNE-Kontext vernachlässigte und wichtige Dimension des emotionalen und sinnlichen Erlebens, Erfahrens und Entdeckens. Nur wenn man auch diese Dimension berücksichtige könne man innovatives Handeln für einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess umfassend fördern (vgl. de Haan 2012, S. 5ff.). Es ist also zu hoffen, dass in Zukunft mehr BNE-Angebote inner- und außerhalb von Schule künstlerische Zugänge miteinbeziehen und mit Künstler*innen und Kultureinrichtungen kooperieren. Darüber hinaus können auch Künstler*innen und Akteure der Kulturellen Bildung durch Orientierung an Themen und Methoden der BNE neue inhaltliche Anstöße für ihre künstlerische und pädagogische Arbeit sowie persönliche Lebensgestaltung bekommen und Argumente für die Legitimierung ihrer Arbeit gewinnen. Die Verbindung von Kunst, formaler Bildung und BNE kann also eine zukunftsweisende Bereicherung für alle Beteiligten und Felder darstellen.



Literatur

Helbig, Saskia/Wieczorek, Wanda (2012a): „Beforscht: Bildungsprogramm“. In: Institut Futur (Hrsg.) (2012): ÜBER LEBENSKUNST.Schule. Dokumentation. S. 23-25.

De Haan, Gerhard (2012): „Pioniere des Wandels. Emotionen, Kunst und Bildung für nachhaltige Entwicklung“. In: Institut Futur (Hrsg.) (2012): ÜBER LEBENSKUNST.Schule. Dokumentation. S. 5-7. Öffnet externen Link in neuem FensterZum Essay

Stoltenberg, Ute (2009): Mensch und Wald. Theorie und Praxis einer Bildung für nachhaltige Entwicklung am Beispiel des Themenfeldes Wald. Oekom Verlag, München.

BLK (1998): Bildung für nachhaltige Entwicklung. Orientierungsrahmen. Bonn.

Die Projektdokumentation ist online abrufbar unter: www.ueber-lebenskunst.org/schule.


Die Autorin

Friederike Brumhard studierte angewandte Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg und arbeitete zu den Schwerpunkten nachhaltige Entwicklung, Entwicklungszusammenarbeit und Kulturorganisation. In ihrer Magisterarbeit untersuchte sie am Beispiel des Projektes ÜBER LEBENSKUNST.Schule, welche Potenziale die Verbindung von künstlerischen Strategien und BNE bietet.



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