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Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung


Bildung für nachhaltige Entwicklung


SINUS-JUGENDSTUDIE U18 >>
Nachhaltigkeit und Engagement in jugendlichen Lebenswelten
Grafik 1: Sinus-Lebensweltenmodell u18 © Sinus Markt- und Sozialforschung 2011

Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit für Jugendliche? Der Artikel zeigt anhand der Sinus-Jugendstudie 2012, welche Jugendliche sich bereits für das Thema engagieren und inwieweit Kulturelle Bildung eine Brücke zu bisher Nicht-Engagierten schlagen kann.

 

Wer Jugendliche für Nachhaltigkeit sensibilisieren möchte, muss ihre Befindlichkeiten, Alltagsorientierungen, ihre Werte, Lebensziele, Lebensstile, ästhetischen und medialen Präferenzen verstehen. In diesem Artikel soll auf Basis der Sinus-Jugendstudie 2012 skizziert werden, welche Bedeutung das Thema Nachhaltigkeit für Jugendliche spielt, welche Anknüpfungspunkte zum Engagement in den verschieden jugendlichen Lebenswelten vorzufinden sind und inwieweit Kulturelle Bildung bei der Sensibilisierung für nachhaltige Entwicklung eine Rolle spielt. Zuvor werden in knapper Form die methodische Anlage der Studie und das Sinus-Lebensweltmodell u18 vorgestellt.


Methodische Anlage der SINUS-Jugendstudie u18

Die SINUS-Jugendstudie 2012 basiert auf 72 qualitativen Interviews mit Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren. Die Befragten hatten zuvor ein „Hausarbeitsheft“ ausgefüllt, in dem sie unter anderem über ihre Interessen und Vorbilder Auskunft gaben und sich Kreativaufgaben widmeten. Auch die Jugendzimmer wurden fotografisch dokumentiert, um Stilpräferenzen der Jugendlichen zu erfassen.


Das SINUS-Lebensweltmodell u18

Zur Konzipierung des Lebensweltmodells wurden Jugendliche zusammengefasst, die sich hinsichtlich ihrer Vorstellungen, was wertvoll und erstrebenswert im Leben ist/sein könnte, ihren Werten, ihrer grundsätzlichen Lebenseinstellung und Lebensweise sowie ihrer sozialen Lage ähneln. Dabei lassen sich die Jugendlichen entlang drei zentraler normativer Grundorientierungen beschreiben: traditionell, modern und postmodern.
Grafik 1 veranschaulicht die Positionierung der jugendlichen Lebenswelten in der sozialen Landkarte. Wie im bekannten Sinus-Milieumodell (> zum Sinus-Milieumodell) beschreibt die vertikale Achse den Bildungsgrad, die horizontale Dimension zeichnet die normative Grundorientierung nach. Die Kurzcharakterisierung lässt auf einen Blick erkennen: Jugend ist soziokulturell vielfältig.


Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit für Jugendliche?

War die Umweltbewegung in ihren Anfängen in den 1970er- und 1980er-Jahren mit einer ganzheitlichen Vision für eine bessere Welt verknüpft und primär eine Jugendbewegung, so ist diese Werthaltung bei jungen Menschen heute eher selten. Große Utopien werden kaum mehr verfolgt, man bevorzugt vielmehr pragmatische Lösungen mit Fokus auf dem Machbaren und der Gegenwart.
Nachhaltigkeit spielt für Jugendliche heute durchaus eine Rolle – jedoch muss man genauer hinsehen, um ihr Verständnis von Nachhaltigkeit begreifen zu können. Die Formen und Kontexte, in denen Nachhaltigkeit erfahren und gelebt wird, unterscheiden sich in den Lebenswelten. Beispielsweise versteht ein Konservativ-Bürgerlicher unter nachhaltigem Handeln, den Eltern im Garten zu helfen („um Lebensraum für Tiere und Pflanzen zu schützen“), während ein Adaptiv-Pragmatischer zur fair gehandelten Schokolade greift („etwas Gutes tun, ohne dass es mir weh tut“) oder ein Expeditiver ein witziges Comic zu dem Thema bei Facebook postet („wenn das Bild cool ist, mache ich das schon mal“). Auch hinsichtlich ihrer Zugangsweisen zum Thema Engagement unterscheiden sich die jugendlichen Lebenswelten.


Grafik 2: Engagement © Sinus Markt- und Sozialforschung 2011

Unterschiedliche Zugangsweisen zu Engagement

Jugendliche haben zum Teil sehr unterschiedliche Vorstellungen von und Ansprüche an (freiwilliges) Engagement, wie die Abbildung verdeutlicht. Wichtig ist, dass zahlreiche Formen jugendlichen Engagements mit dem hergebrachten Engagementbegriff – im Sinne des klassischen freiwilligen Engagements – übersehen werden. Zusammenfassend ist festzustellen, dass Jugendliche formal höher gebildeter Lebenswelten Engagement im klassischen Sinne näher stehen. Aber auch in diesem Segment zeigen sich wichtige Unterschiede, die in der Konzeption von Angeboten berücksichtigt werden sollten: langfristige Verpflichtungen, regelmäßige Treffen und geringe Gestaltungspielräume entsprechen beispielsweise expeditiven Vorstellungen überhaupt nicht, kommen bei den Konservativ-Bürgerlichen aber sehr gut an. Insbesondere den formal niedriger gebildeten Lebenswelten ist der klassische Engagementbegriff eher fremd. In der weiteren Auseinandersetzung mit den Jugendlichen wird jedoch deutlich, dass sie vielfach sozial engagiert sind: in der eigenen Szene (Experimentalistische Hedonisten), durch Hilfe im sozialen Nahraum (Materialistische Hedonisten, Prekäre).


Angebote sprechen bisher vor allem Sozialökologische an

Angebote zur Bildung für nachhaltige Entwicklung und zum Engagement im Themenfeld Nachhaltigkeit sprechen bisher – ob bewusst anvisiert oder unbewusst produziert – überwiegend Jugendliche in der Lebenswelt der Sozialökologischen an. Die Sozialökologischen sind die nachhaltigkeits- und gemeinwohlorientierten Jugendlichen mit einer sozialkritischen Grundhaltung und Offenheit für alternative Lebensentwürfe und stellen damit die Kernzielgruppe dar. Diese Lebenswelt umfasst etwa jede/n Zehnte/n der 14- bis 17-Jährigen in Deutschland. Es stellt sich jedoch die Frage, welche Potenziale in der Ansprache der anderen Lebenswelten schlummern und wie diese Jugendlichen konkret erreicht werden können.
Interessant für die langfristige Etablierung des Themas Nachhaltigkeit können beispielsweise die modernen Trendsetter der Expeditiven sein, da sie online und offline hoch vernetzt sind und dadurch eine hohe Ausstrahlungskraft aufweisen. Attraktiv ist es auch, den modernen Mainstream der Adaptiv-Pragmatischen zu adressieren, da diese Lebenswelt vergleichsweise viele Jugendliche umfasst. Jugendliche der Prekären Lebenswelt gehören sicherlich zu den mit am schwierigsten erreichbaren Zielgruppen, für sie bedeutet aktives Engagement jedoch immer eine Verbesserung der Chancen auf soziale Teilhabe. Insgesamt sollte berücksichtigt werden, dass mit Ausnahme der Sozialökologischen, Jugendliche nur partiell direkt über das Thema Nachhaltigkeit zu erreichen sind. Zentral ist, die jeweils lebensweltspezifischen relevanten Bezüge zu kommunizieren und so eine persönliche Identifikation zu ermöglichen.


Ansprache weiterer jugendlicher Lebenswelten durch Kulturelle Bildung

Möchte man Jugendliche ansprechen, die eine Distanz zum Thema Nachhaltigkeit aufweisen, können benachbarte Themengebiete als Einflugschneise dienen. Empfehlenswert ist es hier, niedrigschwellige Angebote zur Freizeitgestaltung und zum Engagement, die auf die Bedarfe und Interessen der jugendlichen Lebenswelten zugeschnitten sind, mit dem Nachhaltigkeits-Thema zu koppeln. Beispielsweise können Wissen und Kompetenzen rund um Nachhaltigkeit bei Waldausflügen mit Abenteuercharakter, Museumsbesuchen und Theateraufführungen gezielt vermittelt und erprobt werden. Die spielerische Annäherung an das Thema Nachhaltigkeit kann zur langfristigen Sensibilisierung der Jugendlichen beitragen. Zudem bieten solche Angebote Mädchen und Jungen die Möglichkeiten, individuelle, soziale, methodische und ökologische Kompetenzen zu stärken und dabei – jenseits von Schulnoten – Erfolgserlebnisse zu verbuchen. Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung kann zur Selbstreflexion beitragen und dadurch einen wichtigen Teil zur Stärkung des Selbstbewusstseins, zur Partizipation und der Verantwortungsübernahme leisten. Somit kann Kulturelle Bildung als wichtiger Schlüssel zur Bildung für nachhaltige Entwicklung genutzt werden.

Literatur

Borgstedt, Silke/Calmbach, Marc/Christ, Tamina/Reusswig, Fritz (2012): Umweltbewusstsein in Deutschland 2010. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage - Vertiefungsbericht 3: Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Erwachsener. Heidelberg/Berlin. [ PDF | 42 Seiten | 2 MB ]

Calmbach, Marc/Borgstedt, Silke (2012): „Unsichtbares“ Politikprogramm? Themenwelten und politisches Interesse von bildungsfernen Jugendlichen. In: Kohl, Wiebke/Seibring, Anne (Hrsg.): Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 1138. Bonn, S. 41 - 80.

Calmbach, Marc/Thomas, Peter Martin/Borchard, Inga/Flaig, Bodo (2012): Wie ticken Jugendliche 2012? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Düsseldorf.

Christ, Tamina (2012): Naturbewusstsein in den Sinus-Milieus. Vertiefungsbericht zur Naturbewusstseinsstudie 2011. BfN (noch unveröffentlicht).


Die Autorin

Tamina Christ ist seit 2010 beim Sinus-Institut für Markt- und Sozialforschung als Studienleiterin in der Abteilung Sozialforschung tätig. Ihre Arbeits- und Themenschwerpunkte liegen in den Bereichen Nachhaltigkeit (Umwelt- und Naturbewusstsein, Klimaschutz, nachhaltiger Konsum, Fair Trade) sowie Bildung und Religion.



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