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Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung


Bildung für nachhaltige Entwicklung


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Künstlerische Forschung und nachhaltige Entwicklung
© Seleneos / photocase.com
© Projekt "Zeit-Tausch-Pakt" Fundus Theater

Wie können Forschungsprozesse initiiert werden, an denen potenziell – je nach Forschungsfrage, Feld der Untersuchung und Art des Problems – alle Mitglieder der Gesellschaft beteiligt sind, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte? Künstlerische Forschung wird am Beispiel des Forschungstheaterprogramms des Hamburger FUNDUS-Theaters als mögliche Antwort vorgestellt.


Neue Wege des Forschens

In ihrem Bericht TOWARDS KNOWLEDGE SOCIETIES erklärt die UNESCO die Teilhabe an Wissen zu einer Frage der Gerechtigkeit (vgl. United Nations Educational 2005). Da die Verteilung und Verfügbarkeit von Wissen als ökonomische Größe so sehr an Bedeutung gewonnen habe, trete nun die Verteilung von Wissen zu klassischen Themen wie Einkommens- oder Arbeitsverteilung als zentrales Gerechtigkeitsproblem hinzu. Wichtig ist dabei auch die Frage, wer eigentlich an der Entstehung und Entwicklung von Wissen teilhat: Wessen Erfahrungen, Ideen und Praktiken haben Chancen, daran mitzuwirken? Hier rückt der Begriff des Forschens in den Fokus – und zwar nicht nur als Mittel, sondern auch als ein wichtiger Gegenstand nachhaltiger Entwicklung.

In seinem Text „From the World of Science to the World of Research“ hat der Wissenssoziologe Bruno Latour beschrieben, dass wir heute längst nicht mehr so wie unsere Väter und deren Väter an eine Wissenschaft glauben, die gerade mittels ihrer Distanz zur gesellschaftlichen Praxis, also qua Abstraktion, Lösungen für Probleme aller Art zur Verfügung stellen kann. Latour argumentiert, dass in dem Maße, in dem dieser Glaube schwindet, die Expertise jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft potenziell immer wichtiger wird. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Trennung zwischen Forschung einerseits und Anwendung andererseits immer mehr als Hindernis, das die Arbeit an wichtigen Fragen unverhältnismäßig erschwert – und zwar in allen möglichen, ganz unterschiedlichen Bereichen wie beispielsweise Medizin oder Stadtplanung. Latours These lautet: Forschung als das Privileg einiger weniger zu sehen, die stellvertretend für alle anderen, Fragen stellen, Experimentieren und Schlüsse ziehen, ist von gestern (Latour 1998). Doch wie können wir ein neues, demokratischeres Verständnis von Forschung gewinnen? Wie können wir Forschungsprozesse initiieren, an denen potenziell – je nach Forschungsfrage, Feld der Untersuchung und Art des Problems – alle Mitglieder der Gesellschaft beteiligt sind, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte?

Künstlerische Forschung ist ein Versuch, auf diese Frage zu antworten. Denn mit künstlerischen Mitteln können Forschungsprozesse so gestaltet werden, dass ganz unterschiedliche gesellschaftliche Akteure daran teilhaben können. Im vergangenen Jahr trafen sich Vertreter*innen des künstlerischen Forschens in Berlin, um ihre Erfahrungen in einem gemeinsamen Papier festzuhalten:

„Künstlerische Forschung nutzt ein weites Spektrum von Forschungsweisen: Recherche, Experiment, Exploration, Intervention, Analyse, kritische Reflexion, Feldforschung, Action Research, die Arbeit mit (Alltags-)Experten, etc. Künstlerische Forschung hat damit einerseits Bezüge zur systematischen Forschung der Wissenschaft, andererseits aber auch zu außerwissenschaftlichen, gesellschaftlichen und alltäglichen Praktiken des Forschens im weiten Sinne. (...) Künstlerische Forschung stellt Bezüge und Interaktionen zwischen unterschiedlichen Wissensweisen, Forschungsfeldern und Akteur*innen von Forschung her, die im System der Wissenschaften bzw. im Verhältnis von Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft bisher kaum Verbindung zueinander haben. Künstlerische Forschung ist oft transdisziplinär und immer im Austausch mit unterschiedlichen Öffentlichkeiten. (...) Künstlerische Forschung kann flexibel auf gesellschaftliche Problemstellungen reagieren. Sie produziert Versuchsanordnungen und Experimentierräume für aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen, eröffnet alternative/utopische Perspektiven, konstelliert kulturelle und historische Kontexte, ermöglicht Teilhabe auch für Akteur*innen, deren Stimmen andernfalls zu wenig Gehör finden würden.“ (Thesenpapier der Tagung „Forschung in Kunst und Wissenschaft. Herausforderungen an Diskurse und Systeme des Wissens“ 2012).


Forschungstheater

Dies trifft auch auf unsere Arbeit im Forschungstheaterprogramm des Hamburger FUNDUS THEATERs zu. Seit zehn Jahren entwickeln wir hier Projekte, die Kinder, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen als Forschende zusammenbringen. Neben der immer mitlaufenden Frage, wie wir gemeinsam forschen können, beschäftigen wir uns in diesen Projekten mit zahlreichen Themen, die auch in der Debatte um nachhaltige Entwicklung eine Rolle spielen: Wie können wir ein Gefühl für das Raumschiff Erde, mit dem wir alle unterwegs sind entwickeln? Wie können wir in die Kunst des Geldmachens eingreifen und alternative Währungen entwickeln, die Kinder und Nachbarschaften stärken? Was hat die Piraterie von heute mit der Überfischung der Meere zu tun?

Um alle beteiligten Akteure einzubinden, gehen wir dabei weniger von Problemen als von Wünschen aus: von dem Wunsch Astronautin zu sein zum Beispiel oder von dem Wunsch, mal mit einem echten Piraten zu sprechen, oder von dem Wunsch, einfach eigenes Geld zu drucken. Unsere szenischen Forschungsprojekte speisen sich aus Wunschenergie und bringen das Theater als einen Möglichkeitsraum ins Spiel, der uns Teilhabe an ganz anderen gesellschaftlichen Prozessen eröffnet: Mit dem Theater auf unserer Seite können wir vielleicht wirklich mit echten Piraten sprechen, können wir unser eigenes Geld drucken, denn wir haben Räume und Zeiten, die wir gemeinsam nutzen können, und wir haben die Bühne als öffentliches Forum und Präsentationsraum. Performative Techniken, szenische Phantasien und institutionelle Rahmungen geben uns Mut, etwas auszuprobieren, das wir kaum für möglich gehalten hätten. Die Differenz von Forschung und Anwendung löst sich dabei in einer Form des Probehandelns auf, das in reale gesellschaftliche Strukturen hineinreicht und doch als etwas Außerordentliches gerahmt bleibt. Wir entwerfen Szenarien und performative Setups, in denen gesellschaftliche Innovationsprozesse erprobt und reflektiert werden können. Und wer wäre ein besserer Partner für solches Probehandeln als Kinder und Jugendliche?


Der Zeit-Tausch-Pakt

Unser Projekt „Der Zeit-Tausch-Pakt“ lässt sich in diesem Kontext beispielsweise als eine Probe auf einen neuen Vertrag der Generationen verstehen. Das Projekt geht von dem Wunsch der Kinder aus, die Welt, in der sie als Erwachsene leben werden, selbst zu gestalten. Traut man entsprechenden Prognosen, sind die Aussichten dafür eher schlecht. Die Kinder von heute werden als Erwachsene unter anderem mit den Folgen des Klimawandels und der Umkehrung der Alterspyramide zu kämpfen haben. Für den Augenblick, in dem die jetzige Kindergeneration dies voll realisiert, sagt der Club of Rome in seinem jüngsten Bericht heftige Unruhen voraus. Bildungsprogramme für nachhaltige Entwicklung, mit denen wir Kinder auf diese Zukunft vorzubereiten versuchen, erscheinen vor diesem Hintergrund zuweilen recht hilflos.

Der Zeit-Tausch-Pakt ist daher als einfache Versuchsanordnung gedacht, die einen gleichberechtigten Dialog zwischen Kindern und denen, die gegenwärtig ihre Zukunft machen, anstößt und ermöglicht. Die Idee ist simpel: Eine gleiche Anzahl von Kindern und (älteren) Erwachsenen tauscht jeweils einen Tag ihres Lebens miteinander. Die Kinder dürfen über einen Tag im gegenwärtigen Leben der Erwachsenen bestimmen – zum Beispiel einen Tag im Herbst 2013. Was sollen die Erwachsenen an diesem Tag tun? Die Kinder entwickeln diese Anweisungen in Auseinandersetzung mit der Instruction Art, einer Spielart der Performance Kunst. Gemeinsam beschäftigen wir uns außerdem mit wissenschaftlichen Prognosen: Wie beeinflussen die Erwachsenen in ihrem gegenwärtigen Tun die Welt, in der die Kinder in Zukunft leben werden? Was sollten sie tun, damit die Kinder die Welt so vorfinden, wie sie sie sich wünschen? Im Gegenzug schenken die Kinder den Erwachsenen ebenfalls einen Tag, allerdings einen Tag aus ihrer Zukunft, etwa einen Tag aus dem Jahr 2060. Viele der beteiligten Erwachsenen werden diesen Tag nicht mehr erleben. Indem sie darüber nachdenken, was sie den heutigen Kindern für diesen Tag auftragen wollen, geht es für sie um Fragen des Vermächtnisses: Welches Lied soll noch einmal gesungen, welcher Kuchen noch einmal gebacken, welcher Ort noch einmal besucht werden? Und wird die Welt 2060 die Ausführung der Anweisung eigentlich noch ermöglichen? So wird erfahrbar, dass wir das, was uns lieb und teuer ist, nur weitergeben können, wenn auch die Welt, in der all dies bewahrt werden soll, lebenswert bleibt.

Werden diejenigen, die 2060 sechzig sind, Grund haben, das Andenken der Älteren zu bewahren? Wenn Kinder und Erwachsene ihre Anweisungen entwickelt haben, findet im Theater die Versammlung der Generationen statt: Per Zufallsentscheidung werden Paare von Kindern und Erwachsenen gebildet, Anweisungen verlesen und ausgetauscht. Feierlich gerahmt wird der Zeit-Tausch-Pakt in Anwesenheit von Freund*innen und Verwandten geschlossen.

Zur Nachahmung empfohlen! Berichte über Durchführungen gerne an post(at)fundus-theater.de


Literatur

Latour, Bruno (1998): „From the World of Science to the World of Research?“. In: Science, Vol. 280 no. 5361, 208-209.

Thesenpapier der Tagung „Forschung in Kunst und Wissenschaft. Herausforderungen an Diskurse und Systeme des Wissens“. 4. und 5. Mai 2012 Haus der Kulturen der Welt. Berlin. [ PDF | 4 Seiten | 104 KB ]

United Nations Educational (Hrsg.) (2005): Towards Knowledge Societies. Paris. > Zum Download


Kontakt

FUNDUS THEATER
Hasselbrookstraße 25
22089 Hamburg
E-mail: post(at)fundus-theater.de
Fon: 040. 250 72 70
Fax: 040. 250 72 26

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Die Autorin

PD Dr. phil. Sibylle Peters studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Hamburg. Seit 1997 ist sie in Forschung und Lehre an den Universitäten in Hamburg, München, Wales, Basel, Berlin (FU) und Gießen tätig. Seit 2003 entwickelt und leitet sie das Forschungstheaterprogramm im FUNDUS THEATER Hamburg. Seit 2012 leitet sie das künstlerisch-wissenschaftliche Graduiertenkolleg „Versammlung und Teilhabe. Urbane Öffentlichkeiten und performative Künste/Bereich: Kulturelle Bildung und Forschung“. Als Performerin und Regisseurin hat sie zahlreiche Projekte realisiert.



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