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Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung


Bildung für nachhaltige Entwicklung


KRISENBEWÄLTIGUNG STATT NACHHALTIGKEIT UND KULTUR >>
Bezüge zu Nachhaltigkeit und Kultureller Bildung in der EU-Jugendstrategie
© Nadine Platzek / photocase.com

Welche Rolle wird Bildung in der Europäische Union im Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung zugeschrieben? Welche Ziele verolgt die EU-Jugendstrategie? Geht es nur um die Bewältigung aktueller Krisen, oder um nachhaltige Zukunftsgestaltung? Wie beteiligt die EU-Jugendstrategie junge Menschen im Blick auf die Konzeption und Durchführung globaler politischer Strategien?

 

Nachhaltigkeit, Kultur und Bildung in der EU

Die Europäische Union (EU) befasst sich insbesondere seit dem Beginn des neuen Jahrtausends intensiv mit dem Thema der nachhaltigen Entwicklung und stimmte mit den Mitgliedstaaten eine eigene Strategie ab. In ihrem damaligen Grundsatzdokument für eine eigene EU-Strategie aus dem Jahr 2001 beschrieb die Europäische Kommission ihre Vision: Langfristig soll eine wohlhabendere und gerechtere Gesellschaft und eine sauberere, sicherere und gesündere Umwelt geschaffen werden. „Um dieses Ziel zu erreichen, muss das Wirtschaftswachstum den Fortschritt im sozialen Bereich fördern und die Umwelt respektieren, muss die Sozialpolitik die Leistung der Wirtschaft unterstützen und die Umweltpolitik kostenwirksam sein“ (Europäische Kommission 2001, S. 2), so lautete die leitende Idee. Nachhaltige Entwicklung wurde als Auftrag für alle Politikfelder definiert. Der Bildung wurde dabei insbesondere die Aufgabe der Kommunikation und Mobilisierung der Bürger*innen und der Unternehmen zugewiesen. Sie solle mit dafür sorgen, ein besseres Verständnis über nachhaltige Entwicklung zu verbreiten, um das individuelle wie das gemeinsame Verantwortungsgefühl zu wecken und dadurch eine Änderung des Verhaltens zu fördern.

Im Review der EU-Strategie im Jahr 2005 wurde erneut diese Rolle der Bildung bestätigt. Bildung stelle sicher, heißt es in der Analyse, dass Menschen die Fähigkeit zur Anpassung an den globalen Wandel erlangten, dass Wissen allgemein verbreitet werde und dass alle Betroffenen in den Wandel einbezogen werden (vgl. Europäische Kommission 2005, S. 6). Bildung sei die Grundvoraussetzung für die Förderung von Verhaltensänderungen. Die zweite Überprüfung der Strategie im Jahr 2009 zeigt eine deutliche Verschiebung der Prioritäten.

Angesichts der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise und ihrer negativen Konsequenzen liegt der Schwerpunkt europäischen Handelns heute in der Unterstützung der Realwirtschaft und der Abfederung der sozialen Auswirkungen der gegenwärtigen Krise. Die Prioritäten liegen in der Förderung der ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit und der Entwicklung einer wissensbasierten, ressourceneffizienten Wirtschaft mit geringem CO2-Ausstoß. Die Kultur wird als Kulturwirtschaft befördert. Die Bildung und Berufsbildung soll die Rahmenbedingungen für mehr Lernen, Studieren und die berufliche Weiterqualifizierung verbessern, um das Bildungsniveau und damit auch die Beschäftigungsfähigkeit zu erhöhen.


Aktuelle Tendenzen der EU-Jugendstrategie

Auch die EU-Jugendstrategie folgt in der aktuellen Umsetzung dem politischen Trend der Krisenbewältigung. Der Schwerpunkt liegt in der Schaffung von mehr Möglichkeiten und mehr Chancengleichheit für alle jungen Menschen im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt.

Die EU-Jugendstrategie nimmt mit ihrer Ausrichtung die negativen sozialen Auswirkungen für junge Menschen in den Blick, gibt aber zurzeit keine jugendpolitische Antwort auf die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen, die ebenfalls Folge der Krise sind. Dabei müsste gerade jetzt eine Strategie zur Bekämpfung der gesellschaftlichen und politischen Negativentwicklungen gegeben werden: die Förderung von Teilhabe durch aktive Bürgerschaft, Toleranz, Demokratiebewusstsein, Solidarität und europäische Identität wären wichtige Antworten. Dieser Aspekt wird aber auf europäischer Ebene im Moment vernachlässigt.

Zentrales Anliegen der EU-Jugendstrategie müsste wieder die Entwicklung der europäischen Bürgerschaft und die Verbreitung der europäischen Idee, der Wert und der Nutzen eines vereinten grenzenlosen Europas über unmittelbare ökonomische Vorteile hinaus werden. Europäischer Austausch von jungen Menschen und Fachkräften erhält eine erweiterte Dimension, weil dieser den „Wert Europas“ jenseits der aktuellen ökonomischen Krisen unmittelbar erlebbar macht. Damit verbunden könnte die Stärkung der Bereitschaft junger Menschen sein, sich gerade angesichts der Krise für diese Werte einzusetzen und eine Krisenbewältigung einzufordern, deren Kern die europäische Solidarität ist.


Die Rolle von Nachhaltigkeit, politischer Partizipation und Kultureller Bildung in der EU-Jugendstrategie

Die EU- Jugendstrategie soll bis 2018 in acht gemeinsamen Handlungsfeldern europäische Ziele umsetzen, Jugendpolitik für europäische Impulse öffnen, das Lernfeld Europa für junge Menschen und grenzüberschreitende europäische Austausch- und Lernprozesse zwischen den Mitgliedsländern stärken. Sie benennt neben den Handlungsfeldern Bildung, Beschäftigung, soziale Integration, Partizipation und Freiwilligentätigkeit zwei Felder, die sich auch mit Fragen von Kultur und Nachhaltigkeit befassen. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ selbst taucht im Handlungsfeld „Jugend und die Welt“ auf, das sich nicht nur auf die jugendpolitische Zusammenarbeit mit Ländern außerhalb Europas bezieht, sondern gerade auch die Mitwirkung junger Menschen an der Konzipierung und Durchführung globaler politischer Strategien fördern möchte.

Die Mitgliedstaaten werden durch die EU-Jugendstrategie angeregt, junge Menschen für globale Fragen wie etwa nachhaltige Entwicklung und Menschenrechte zu sensibilisieren. In der Bewertung der ersten Phase der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in den Mitgliedstaaten fragt die Europäische Kommission nach den Aktivitäten zur Bewusstseinsbildung junger Menschen zu Aspekten der Globalisierung, nachhaltiger Entwicklung und Menschenrechten. Mehr als zwei Drittel der Staaten berichten (vgl. European Commission 2012, S. 86), schon vor der EU-Jugendstrategie konkrete Maßnahmen eingeführt zu haben. Mehr als die Hälfte geben an, dass globale Fragen Teil des Bildungscurriculums, nationaler Jugendpolitik bzw. Aktionsplänen oder spezifischer Bildungsprogramme darstellten. Was dies im Einzelnen ist, darüber geben die Nationalen Berichte Auskunft.

Der Großteil der Staaten gibt an, junge Menschen in die nationalen Regierungsdelegationen zur Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) einzubinden, die sich dort gemeinsam mit Jugenddelegierten aus anderen Staaten für die Belange junger Menschen einsetzen. UN-Jugenddelegierte nehmen auch vielfach als NRO-Vertreter an den Sitzungen der Sozial- und Entwicklungskommission der UN teil. Die EU-Kommission führt in ihrem Bericht als gutes nationales Beispiel das Projekt „Global Education Week” des slowenischen Außenministerium auf: Eine interministerielle Arbeitsgruppe für globale Bildung initiiert verschiedene Veranstaltungen zur Bewusstseinsbildung über die Bedeutung der Bildung für globale Aspekte in Schulen und in der Öffentlichkeit. Jedes Jahr wird eine „Global Education Week” mit Jugendorganisationen durchgeführt. Der inhaltliche Schwerpunkt lag im Jahr 2011 auf Fragen eines verantwortungsbewussten Handelns des Einzelnen dem Planeten und seinen Bürgern und Bürgerinnen gegenüber.

Das EU-Programm „Jugend in Aktion“ (> zur Webseite) in dem nachhaltige Entwicklung in den letzten drei Jahren eine Förderpriorität war, wird als wichtiges Anregungsinstrument beschrieben. Die Maßnahmen im Handlungsfeld „Kultur und Kreativität“ konzentrieren sich in den EU-Staaten vorwiegend auf die Förderung von marktwirtschaftlich orientierter Kreativität und Innovationsfähigkeit junger Menschen und die Vermittlung interkultureller Kompetenzen als Schlüsselkompetenzen auf dem Arbeitsmarkt. Stimulierung von kreativem Denken, Vorstellungskraft und Ausdrucksfähigkeit werden als wichtige Aufgabe kultureller Angebote im Schulsystem, aber auch außerschulisch gesehen. Die Kulturelle Bildung soll zur sozialen Eingliederung, aktivem bürgerlichen Engagement und zur künftigen Beschäftigungsfähigkeit beitragen. Der zukünftige Arbeitsmarkt braucht Arbeitskräfte mit Kreativität, Innovationssinn, Anpassungsfähigkeit und hohen Kommunikationsfähigkeiten sowie flexible und wandlungsgerechte unternehmerische Fähigkeiten (vgl. Rat der EU 2009, S. 3).


Die wichtige Rolle der Jugend und Jugendarbeit bei der Gestaltung einer europäischen Zukunft

Das oberste Gebot der EU ist die Lösung der ökonomischen und sozialen Krise. Dabei treten gesellschaftspolitische Vorhaben und Projekte politischen und sozialen Zusammenhalts, Fragen des kulturellen Miteinanders sowie Bildungsideale, die eine zweckfreie Persönlichkeitsentwicklung der Jugend in den Blick nehmen, in den Hintergrund. War Europa bisher eine Chance und ein Angebot für junge Menschen, so müssen diese heute dazu in die Lage versetzt werden, Europa als politisches Modell und die europäische Solidarität aktiv einzufordern und sich gegen die stärker werdenden antieuropäischen Tendenzen zu behaupten. Es gibt den Bedarf, die spezifische Rolle von Jugendpolitik und Jugendarbeit für ein gelingendes Aufwachsen junger Menschen in Europa insbesondere in Zeiten der Krise noch mehr herauszuarbeiten und diese durch eine intensivierte und effektivere jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa zu verstärken. Die Chance liegt vor allem darin, den Jugendlichen selbst eine Stimme zu geben und sie nach ihren eignen Zukunftsvorstellungen in Europa zu befragen sowie sie an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Europäischen Union mitzuwirken zu lassen.

Fest steht, dass eine alleinige Fokussierung auf die ökonomische Krisenbewältigung und ein Bildungssystem, dass allein auf eine Qualifizierung der Jugend für den Arbeitsmarkt abzielt, langfristig gesehen zu kurz greift. Vielfältige Bildung, Kunst und Kultur sowie eine soziale und kulturelle nachhaltige Entwicklung sind wichtige Grundpfeiler, ohne die weder eine ökonomisch orientierte nachhaltige Entwicklung, noch das Konstrukt der Europäischen Union langfristig standhalten können.


Literatur

Europäische Kommission (2001): Mitteilung zur Nachhaltigen Entwicklung in Europa für eine bessere Welt: Strategie der Europäischen Union für die nachhaltige Entwicklung. > mehr

Europäische Kommission (2005): Mitteilung an das Europäische Parlament und den Rat, Überprüfung der Strategie für nachhaltige Entwicklung, Ein Aktionsprogramm. > mehr

Europäische Kommission (2009): Mitteilung an das Europäische Parlament, den Rat den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen, Förderung einer nachhaltigen Entwicklung durch die EU-Politik: Überprüfung der EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung. > mehr

Rat der EU (2009): Entschließung des Rates über einen erneuerten Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa. > mehr

European Commission (2012): EU Youth Report, Commission Staff Working Paper, Results of the first cycle of the Open Method of Coordination in the youth field (2010-2012).

European Commission (2012): National Reports of the Implementation of the EU-Youth Strategy. > mehr

Rat der EU (2009): Schlussfolgerungen des Rates zur Förderung einer kreativen Generation – Entwicklung der Kreativität und Innovationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen durch kulturelle Ausdrucksformen und Zugang zur Kultur. [ PDF | 3 Seiten | 721,3 KB ]


Autorin: Ulrike Wisser

Ulrike Wisser ist Sozialpädagogin und Journalistin. Seit 1992 arbeitet sie in Brüssel an der Schnittstelle europäischer Politik und Kinder- und Jugendhilfe und in europäischen Projekten. Aktuell ist sie in der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland bei JUGEND für Europa tätig.



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