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Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung


Bildung für nachhaltige Entwicklung


EMOTIONEN FÜR EINE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG >>
Ein Gespräch mit Klemens Gieles
© Klemens Gieles - „Unsere Reise ins WALUBO-Land“

Klemens Gieles, Präsident der Gesellschaft für Agenda 21 e. V., schildert in dem Gespräch, wie Erzählungen zu der Entwicklung eines nachhaltigen Lebensstils beitragen können und spricht über die Bedeutung von Emotionen im Zusammenhang mit Lernprozessen.


Herr Gieles, Sie sind Autor der multimedialen online Publikation „Unsere Reise ins WALUBO-Land“, die neben einer kindgerechten Geschichte zur Nachhaltigkeit auch Spiel- und Lernmaterialien bereithält. Warum braucht es Ihrer Ansicht nach Erzählungen der Nachhaltigkeit?

Das Thema Nachhaltigkeit beginnt in der Öffentlichkeit Fuß zu fassen. Zu oft wurde der Begriff „Nachhaltigkeit“ und sein Adjektiv in der Vergangenheit und auch gegenwärtig immer noch im falschen Kontext benutzt. Das liegt auch daran, dass er sehr abstrakt ist und unter ihm alles eingeordnet werden kann.

Begriffe bilden sich durch Anfüllen von Erlebtem und Erfahrenem. Wer sich aktiv eingebracht hat, und das sind Hörer und Leser ebenso wie Aktive in der Nachhaltigkeitsszene, nimmt am Geschehen teil und füllt aus dem Erlebten und Erfahrenen den Begriff mit Inhalten, ähnlich, dem Vorgang des Malens, an dessen Beginn eine Strichzeichnung steht, die durch Verwendung von Texturen und Farben lebendig wird. Nachhaltige Lebensführung bildet sich aus dem, woran ich beteiligt bin. Für mich gibt es dabei die realen Zugänge durch das tägliche Leben und Zugänge die durch Phantasie und Visionen eröffnet werden.

Erzählungen können beides sein, mehr an der Wirklichkeit orientiert oder auch phantastisch-visionären Welten entnommen. In beiden Zugängen gibt es einen reichhaltigen Fundus an Möglichkeiten, nachhaltige Themen aufzugreifen und emotional zu verinnerlichen. Erzählungen, ob auf persönlichen Erfahrungen basierend oder auf erfundenen Handlungen faszinieren auch deshalb, weil sie aus der Sicht einer Person geschildert werden. „Unsere Reise ins WALUBO-Land“ nutzt beide Zugänge und setzt auf Erfahrungen aus dem Leben und der persönlichen Phantasie.


Was ist das besondere an Erzählungen wie „Unsere Reise ins WALUBO-Land“?

Das Besondere daran ist, dass die Leser darin geschilderte Szenen sowohl in Spiel, Experiment oder in einer künstlerischen Ausdrucksform umsetzen können, ohne sich allzu sehr an das Original halten zu müssen. Gerade in der Gestaltungsfreiheit, die ja ein wesentliches Element der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist, liegt die Chance, einen für sich passenden nachhaltigen Lebensstil zu finden. Denn dieser ist schließlich abhängig von der Umwelt, in der man sich befindet. Gerade im Grundschulalter – der Phase in der Kinder zentrale Verhaltensweisen ausprägen – müssen abstrakte Themen lebendig gestaltet und vermittelt werden.
Meiner Meinung nach liegt die Krux heutiger Bildung in der überwiegenden Vermittlung von Faktenwissen, die zu wenig auf sensitive und emotionale Lernformen- und Erfahrungen setzt. Erzählungen, die das emotionale Wesen des Lesers ansprechen, erweitern die reine Vermittlung von Faktenwissen.

© Klemens Gieles - Der „Graf von Kompostonien“ aus „Unsere Reise ins WALUBO-Land“


Wie kann man mit Erzählungen Kinder und Jugendliche motivieren, eigene kreative Ideen zu nachhaltiger Entwicklung zu entwickeln und Experimente durchzuführen? Wie kann man sie durch Erzählungen zu einem nachhaltigen Lebensstil motivieren?

Motivation beruht auf Emotion. Beide Begriffe nutzen den lateinischen Wortstamm des Wortes „movere“, was übersetzt bewegen, antreiben, veranlassen, anregen, u. a. heißt. Diese durch Gefühle angetriebene Bewegung muss idealerweise in der Person selbst stattfinden. Insofern ist es müßig darüber nachzudenken, wie eine Motivation von außen zu einem erwünschten Verhalten beitragen kann. Erzählungen sind für mich mehr ein Weg, sich (als Leser) selbst zu motivieren. In diesem Sinne kann die Frage nach der Motivation von außen, die extrinsische Motivation, nur beantwortet werden, wenn man Motivation mit Anregung übersetzt, bei der kein Zwang angesetzt wird.

Durch Erzählungen kann eine Identifikation des Lesers/Hörers mit den Helden erfolgen. Diese Identifikation schließlich ist das Gleiche wie das, was man als Verbundenheit auf dieser Ebene bezeichnen kann. Erzählungen stellen also Verbundenheit her und das hat jeder schon erfahren, der in Kinderjahren ein Buch gelesen hat oder vorgelesen bekam. Kinder schlüpfen in die Rolle ihrer Helden, sind eins mit ihnen und handeln nach ihren Wertmaßstäben. Der Erfolg von Kindergeschichten beruht im Wesentlichen auf diesen Identifikationsmöglichkeiten. In der Nachhaltigkeitszene fehlen Vorbilder wie Pipi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder Winnetou. Gehen Sie einmal zu den Kinder- und Jugenbuchverlagen und fragen Sie nach Erzählungen zum Thema Nachhaltigkeit. Hier liegt der Bedarf, das komplexe Thema, und das ist das Besondere daran, kind- und jugendgerecht aufzuarbeiten. Dazu gehört auch, die Erzählungen für Kinder- und Jugendliche an deren Rezeptionsstile über das Internet anzupassen. Um es anders zu sagen: Erzählungen müssen multimedial zur Verfügung stehen.

© Klemens Gieles - Die Luftkreisel „Tornadi“ und „Tornado“ aus „Unsere Reise ins WALUBO-Land“


Wie beeinflussen Emotionen unser Alltagshandeln und welche Rolle können sie bei der Gestaltung unserer Zukunft spielen?

Emotionen treiben uns an. Negative Emotionen wie die Angst sind nach wie vor treibende Kraft, die uns zu unseren heutigen Verhaltensweisen z. B. zu übermäßigem Konsum gebracht hat. Wir alle wissen, dass Kaufentscheidungen in den seltensten Fällen rationale Entscheidungen sind, aber in der überwiegenden Zahl emotional gefällt werden. Auch die Affinitäten zu naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Themen beruhen auf emotionalen Erfahrungen mit diesen Themen. In der kreativen Ausgestaltung der eigenen Lebensumwelt werden Emotionen sichtbar und erfahrbar, wie dies in jedem Bild, in jeder Skulptur, in jedem Musikstück oder Theaterspiel erfolgt, oft mehr oder weniger bewusst.

Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels hin zu einen Gesellschaft, deren Aufgabe es angesichts der gewaltigen gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Veränderungen ist, die internen Antriebsmechanismen, die Emotionen, für die Gestaltung der Zukunft besser einzusetzen. Wissen allein trägt zur Verhaltensänderung nicht bei, Emotionen, die kreativ-kulturell ausgedrückt werden spielen die ausschlaggebende Rolle, oder sollten sie zumindest haben.

Die Erzeugung positiver Gefühle im Sinne der Nachhaltigkeit beinhaltet den Aspekt der Freiwilligkeit. Echte, lang anhaltende positive Gefühle entstehen vor allem dann, wenn man sich mit etwas verbunden fühlt, wenn man sich aus freien Stücken für etwas einsetzt und wenn man gemeinsam etwas geleistet hat. Es zeigt sich sogar in unseren Körperzellen, dass Menschen, die auf reichhaltige positive Erfahrungen zurückblicken können, zufriedener sind, ja sogar weniger Schmerzmittel benötigen und mehr Glückshormone aufweisen als Stress- und Angstgeplagte. Auf positiven Gefühlen und Erlebnissen bauen wir auf. Ziel muss es daher sein, Nachhaltigkeit stärker mit positiven Erzählungen, Gefühlen und Zukunftsvisionen zu verknüpfen, anstelle der Schaffung weiterer Angst machender Katastrophen und Horrorszenarien.

Zur Webseite „Unsere Reise ins WALUBO-Land“


Der Interviewpartner

Klemens Gieles ist seit mehr als 25 Jahren beruflicher Nachhaltigkeitsförderer. Nach Stationen im kommunalen Umweltschutz, als Dozent für Umweltmanagement und als Kamagnenkoordinator des Deutschen Naturschutzrings für Energieeffizienz, aber auch als Planer und Gutachter und Präsident der DGA21 e. V. hat der Lehrer, Biologe und Bauingenieur und Vater von drei Kindern seine Erfahrungen und sein Wissen in der Erzählung „Unsere Reise ins WALUBO-Land“ kindgerecht in Szene gesetzt.



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