KÜNSTE BILDEN UMWELTEN

Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung


Bildung für nachhaltige Entwicklung


DIE DISKURSE MÜSSEN SICH STÄRKER VERSCHRÄNKEN! >>
Ein Gespräch mit Gerhard de Haan
Foto: © Joachim Loch - Über Lebenskunst. Schule

Der Zukunftsforscher Gerhard de Haan zieht in dem Gespräch eine Zwischenbilanz zur UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, nennt Gemeinsamkeiten und Differenzen von Kultureller Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung und spricht sich für eine stärkere Verschränkung der beiden Diskurse aus.

 

Seit 2005 läuft die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung". Bis 2014 soll auch das deutsche Bildungssystem dieses Leitbild verankert haben. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

Wir haben bereits Teilerfolge erzielt, jedoch noch keine systematische Verankerung erreicht. Diese ist nur punktuell erreicht worden – bisher wenigstens. Was wir haben sind inzwischen rund 1500 ausgezeichnete Dekade-Projekte. Sie zeigen, dass wir eine vielfältige Bildungslandschaft haben, die im schulischen Bereich verankert ist und bis in den außerschulischen Bereich hineinreicht. Aber wir haben immer noch Schwierigkeiten, von diesen einzelnen Projekten in die Struktur zu kommen. Das ist der nächste Schritt, der jetzt ansteht. Innerhalb des schulischen Systems, in den Hochschulen oder auch im Kindergartenbereich haben wir noch nicht die Majorität erreicht. Es gibt aber durchaus Anzeichen, dass sich im schulischen Bereich mit den anstehenden Lehrplanreformen beispielsweise in Hessen und Baden-Württemberg etwas ändert; dort versuchen wir, das Thema zu verankern.

Würden Sie sagen, in der außerschulischen Bildungslandschaft ist Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) schon besser verankert?

Das ist auch dort ambivalent. Im außerschulischen Bereich finden wir die Umweltbildungseinrichtungen und die Träger aus dem Kontext der Entwicklungszusammenarbeit oder des Globalen Lernens. Doch in beiden Segmenten ist die Nachhaltigkeit noch immer nicht das eindeutige Fundament. Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema: Es ist mehr als nur ein Umweltthema oder eine entwicklungspolitische Fragestellung. Da sind noch etliche Schritte zu gehen, bis man BNE in seiner ganzen Komplexität auch im außerschulischen Bereich implementiert hat.

Unter den bisher ausgezeichneten UN-Dekade-Projekten wächst die Anzahl der kulturellen Projekte zwar; proportional zu anderen Bildungsbereichen ist sie dennoch recht dürftig. Zugleich beschäftigen sich viele Kunstprojekte mit Menschenrechten, Klimawandel, demographischem Wandel und Globalisierung, werden dort aber nicht sichtbar. Warum fühlen sich Akteure der Kulturellen Bildung offensichtlich von dem Konzept wenig angesprochen?

Vielleicht liegt das an dem etwas sperrigen Terminus und daran, dass man bei der Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit häufig auf Bedrohungs- und Katastrophenszenarien wie Klimawandel, Rückgang der Biodiversität oder Ressourcenknappheit stößt, die als Themen für viele Praktiker*innen aus dem kulturellen Bildungsbereich nicht so attraktiv sind. Zudem wird der ganze Diskurs um Nachhaltigkeit einerseits sehr rational, andererseits aber auch sehr moralisch geführt: „Man muss“ und „wir müssen“... Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass man vereinnahmt wird, um mittels Kunst und Kultur bestimmte Werte und Zielvorstellungen zu transportieren. Kurz gesagt, es droht immer ein bisschen die Funktionalisierung; das ist für viele ein Hemmnis.

Nimmt man das Konzept der Kulturellen Bildung in den Blick, so lassen sich vielerlei Parallelitäten zu BNE finden z. B. hinsichtlich der Bildungsziele.

Richtig, der Gestaltungsgedanke zum Beispiel: Das Konzept der Gestaltungskompetenz in der Bildung für nachhaltige Entwicklung hat eine große Nähe zur Kulturellen Bildung: etwas selber machen, kreativ und innovativ tätig sein etc. Die Diskurse müssten sich stärker verschränken! Bildung für nachhaltige Entwicklung ist ja nicht dazu da, zu neuen Werten und Normen zu erziehen. Man kann niemanden dazu zwingen, dass er sich in einer bestimmten Weise verhält. Ziel ist es vielmehr, die Chance zu eröffnen, selber aktiv zu sein – wie in der kulturellen Bildungspraxis auch.

Ist Kulturelle Bildung dann nicht per se Bildung für nachhaltige Entwicklung? Oder muss man da noch weiter denken bzw. wäre das zu kurz gedacht?

Das wäre schon ein bisschen zu kurz gedacht. Es gibt für die Nachhaltigkeit ja bestimmte Kriterien: erstens: „Trägt das, was wir tun, in irgendeiner Form zur Reduktion des ökologischen Fußabdrucks bei?“, zweitens: „Dient es der Förderung von Wohlstand und Wohlbefinden?“ und drittens: „Dient es dazu, die Teilhabe und die Partizipationsfähigkeit zu steigern?“.
Während sich der erste Aspekt also im Englischen auf den „footprint“ bezieht, bezieht sich der dritte Aspekt auf die wunderbare englische Vokabel des „handprints“, also selber aktiv sein zu können. Und es muss ja nicht jede Kunst- und Kulturaktivität diesen drei Kriterien genügen. Unter Nachhaltigkeits-Gesichtpunkten könnte man jedoch sagen, dass dies eine Orientierungsleitlinie ist.

Wie können sich Fachkräfte und Institutionen der Kulturellen Bildung stärker in die UN-Dekade in Deutschland einbringen oder in diesem Kontext sichtbar werden?

Um sichtbar zu werden, ist es sinnvoll, sich als Dekade-Projekt zu bewerben. Außerdem halte ich es für aussichtsreich, wenn man im Kontext der Schulprofile und -programme noch systematischer Schnittstellen bilden würde. Nahezu jede Schule hat inzwischen ein Profil – ein Drittel der Schulen machen Nachhaltigkeit, Umwelt, Globales etc. zum Thema und viele davon haben auch einen künstlerischen Schwerpunkt. Ich glaube, dies stärker in den Fokus zu nehmen, würde sich wirklich lohnen, denn es macht Schule attraktiv.

Sie sind Zukunftsforscher: Wohin steuert das deutsche Bildungssystem derzeit? Und wie können Kulturelle Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung Gesellschaft in Zukunft stärker mitgestalten?

Ganz grob gibt es drei unterschiedliche Varianten von Zukunfts-Szenarien, die die künftige Diskussion dominieren könnten. Das eine ist die Fortschreibung des Status quo, ein bisschen verändert: Wir behalten dieses Schulsystem bei, relativ bürokratisch aufgestellt, mit einem stärkeren freien Markt auf der anderen Seite (Stichwort freie Schulen etc.). Das zweite Szenario – im Englischen „reschooling“ genannt – ist, dass man Schulen als soziale Zentren betrachtet, als lernende Organisationen, die ganz stark kommunal gestaltet sind. Dieses Konzept geht in die Richtung von lokalen Bildungslandschaften. Ich finde es ausgesprochen interessant und attraktiv, weil es bedeutet, dass man die ganze Kommune mit allen potentiellen Bildungsträgern einbezieht, ob das nun Museen oder Theater sind oder auch kleine und mittlere Unternehmen. Das ist ein positives Szenario, und ich sehe auch einige Indikatoren, dass wir uns dahin bewegen. Dahinter steht ein ganz anderes Verständnis davon, was Bildung eigentlich ausmacht. Darin hätte Kultur einen ganz wesentlichen Stellenwert. Dann gibt es noch ein drittes großes Szenario, ich will es mal „Entschulung“ nennen. Darin findet Lernen hauptsächlich in Netzwerken und Gemeinschaften statt. Es würde sozusagen den Exodus des Lehrers bedeuten: Man hätte eher Berater und Coaches. Das Lernen entsteht in diesem Modell aus den Communitys heraus; Informations- und Kommunikationstechnologien hätten eine große Bedeutung. Von diesen drei Szenarien ist das „reschooling“ aus meiner Sicht das attraktivste Modell.

Das Gespräch führte Bianca Fischer, BKJ. Es ist zuerst im Magazin Kulturelle Bildung. Reflexionen, Argumente, Impulse für eine nachhaltige Entwicklung, BKJ 2012, erschienen und wurde für dieses Themen-Dossier gekürzt.


Der Interviewpartner

Prof. Dr. Gerhard de Haan ist Zukunftsforscher an der FU Berlin und Vorsitzender des Nationalkomitees der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Er lehrt am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin und gilt als Experte für die Themen „Zukunftsforschung im Bildungsbereich“ und „Bildung für nachhaltige Entwicklung“.



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